Thema Behindertenbeirat Ludwigshafen

Meine Motivation und worum es mir hier geht

Barrierefreiheit und Inklusion voran bringen ist mir persönlich wichtig, nicht nur, weil ich selbst inzwischen im Rollstuhl unterwegs bin. Defizite auf diesem Gebiet sind nicht nur aus meinem geänderten Blickwinkel erkennbar, allerdings schärft er den Blick nach. Um auf diesem Gebiet etwas zu erreichen oder dem Ziel zumindest näher zu kommen, braucht man Vernetzung und Mitstreiter, die man kennt und einschätzen kann. Gibt es solche Gleichgesinnten? Vermutlich. Aber was trägt der Behindertenbeirat bei?

Der erste Behindertenbeirat in LU

Ludwigshafen am Rhein hat seit Oktober 2014 einen Behindertenbeirat. Genaue Bezeichnung: Beirat für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Seine Zusammensetzung ist in einer Satzung geregelt. Von 26 Mitgliedern sind 18 stimmberechtigt. Überdies gibt es jeweils Stellvertreter.

Ebenfalls im Oktober 2014 erfolgte die Ernennung des Beauftragten für Menschen mit Behinderung Hans-Joachim Weinmann. Der Behindertenbeauftragte der Stadt Ludwigshafen ist stimmberechtigtes Mitglied im Behindertenbeirat und arbeitet ehrenamtlich. Als Vorgänger war seit dem 01. Januar 2003 Norbert Breit als kommunaler Behindertenbeauftragter (ursprünglich: Schwerbehindertenbeauftragter für alle Bürgerinnen und Bürger) auf Honorarbasis tätig.

Vor etwa einem Jahr habe ich begonnen, mich über diesen Behindertenbeirat zu informieren. Ich habe - wie so ein typischer früherer Verwaltungsbeamter - angefangen, Texte durchzulesen. Die Satzung vom Entwurf aus 2014 bis zur letzten Änderung aus 2019, Einladungen zu Sitzungen, Protokolle dazu, Artikel in der Lokalpresse. Ich habe auch nach Dokumenten in Beteiligungsverfahren gesucht, die auf die Art und den Umfang der Einflussnahme durch den Behindertenbeirat schließen lassen könnten. Die Formulierung "Barrierefreiheit im baulichen Sinne, aber auch um Abbau von Barrieren in den Köpfen gegenüber den Anliegen behinderter Menschen zeigt die Spannbreite, um die sich ein Beirat zu kümmern haben wird" im gemeinsamen Antrag von SPD- und CDU-Fraktion aus dem September 2013 zur Schaffung eines Behindertenbeirats erweckt den Eindruck, daß sich ein Blick lohnen könnte, wenn es denn ernst gemeint war und richtig umgesetzt wurde. Auch "die verstärkte Einbindung behinderter Menschen in politische Willensbildungsprozesse" steht in der Begründung des Antrags, den Heike Scharfenberger und Heinrich Jöckel als Fraktionsvorsitzende unterschrieben haben. Klingt doch gut.

Hier ein paar Links zu Informationen von der Website der Stadt (Allgemeines, Satzung, Flyer):

www.ludwigshafen.de - Über den Beirat für Menschen mit Behinderung

www.ludwigshafen.de - Satzung Behindertenbeirat Ludwigshafen

www.ludwigshafen.de - Flyer Behindertenbeirat Ludwigshafen

Zusätzlich zum Lesen habe ich an mehreren Sitzungen von Stadtrat, Ausschüssen, Ortsbeirat Oggersheim (in Oggersheim wohne ich seit vielen Jahren) und natürlich auch dem Behindertenbeirat als Zuschauer und Zuhörer teilgenommen, besonders wenn Themen rund um Behinderung, Barrierefreiheit und Inklusion angekündigt waren. Ja, sogar das Sitzungszimmer des Oggersheimer Rathauses am Schillerplatz ist im Rollstuhl erreichbar, auch wenn der dortige Plattformlift (Treppenlift) recht langsam ist, man sich auf seiner Plattform wie ein Pfingstochse vorkommt (schon weil die Treppe während seiner Benutzung blockiert ist und die Wartenden dem ungewohnten und im Schneckentempo ablaufenden Ereignis erhöhte Aufmerksamkeit zukommen lassen) und ein WC aufsuchen für Rollstuhlfahrer nicht vorgesehen ist. Trotz manchmal vielstündiger Sitzungen des Ortsbeirats. Beim Behindertenbeirat, seine Sitzungen finden im Rathaus-Turm statt, gäbe es das Problem nicht, schon von der Dauer - präziser ausgedrückt der Kürze - der Sitzungen her. Im Rathaus-Turm gibt es auch Rollstuhl-Toiletten.

Bisherige Ergebnisse der Arbeit des Behindertenbeirats

Ich wollte mir ein Bild davon machen, was bisher vom Behindertenbeirat bewirkt wurde, woran gearbeitet wird, was noch in Vorbereitung ist. Und überdies Akteure sehen und hören. Allenfalls am Rande habe ich auch mal das Gespräch gesucht. Das ist jedoch nötig, schon weil in der Politik nicht alles vorn herum und schriftlich läuft und das Auswerten von Schriftstücken damit allein nicht ausreicht. Was bekommt die Presse mit, wer berichtet zu solchen Themen, auch das interessierte mich (selten steht mal was in der Rheinpfalz oder gar im Mannheimer Morgen). Gesprächsthemen in diesem Kontext zu finden ist einfach, denn Mängel bei der Barrierefreiheit sind noch allgegenwärtig und die Inklusion ist keineswegs schon erreicht. Zumindest aus meiner Sicht - die Sichtweisen der Beteiligten unterscheiden sich oft erheblich.

Dazu kam der Vergleich mit Satzungen von Behindertenbeiräten anderer Städte und Regionen und auch der mit der "Empfehlung für eine Satzung kommunaler Behindertenbeiräte in Rheinland-Pfalz". Auch zu einigen anderen Behindertenbeiräten habe ich mir exemplarisch angeschaut, ob es dokumentierte Arbeitsergebnisse gibt, wie die Selbstdarstellung aussieht und wie die Presse berichtet.

Was wurde durch die Gründung eines Behindertenbeirats erreicht? Formal: die Stadt hat nun so was. Bei schwacher Ausgangsbasis hält man sogar das für einen Fortschritt. Was ergibt sich hinsichtlich der Tätigkeiten aus dem "Tätigkeitsbericht des Beirats für Menschen mit Behinderungen der Stadt Ludwigshafen am Rhein" für die Wahlperiode 2015 - 2019? Es gab danach Vorträge im Rahmen seiner Sitzungen. In Kurzvorträgen stellten sich die vertretenen Vereine und Verbände vor. Es sind also Vereine und Verbände, die dort vertreten werden. Ach! Zu verschiedenen Themen waren externe Referenten eingeladen. Gut so. Auch Mitarbeiter der Stadtverwaltung Ludwigshafen haben zu verschiedenen Themen referiert. So so. Und beim jährlich stattfindenden Stadtteilfest "Ganz normal anders" im Quartier Oggersheim West war man mit einem Stand vertreten. GNA ist ein Straßenfest, ein Aktionstag für Menschen mit und ohne Behinderung. Gemäß den einleitenden Worten setzt sich der Behindertenbeirat ein und berät. Klingt das überzeugend?

www.ludwigshafen.de - Tätigkeitsbericht Behindertenbeirat LU

"Die konstituierende Sitzung der neuen Wahlperiode findet am 27. Juni 2019 statt" steht im Protokoll der Sitzung vom 07. März 2019. Sie fand nicht statt. Immerhin sind noch zwei Termine in diesem Jahr im Sitzungskalender enthalten. Ob die Zahl der zu behandelnden Fragestellungen so klein ist? Es sind je (nur) zwei Stunden eingeplant. Eine Sitzung mit 1,5 Stunden ist rückblickend schon eine der längsten, auch 30, 37, 40 und 50 Minuten kamen vor. Bestimmt geht es noch kürzer. Bei drei bis vier Sitzungen jährlich. Hier ein Zitat aus dem Protokoll der 37-Minuten Terrine: "Herr van Vliet weist darauf hin, dass er sich aktivere Beteiligung der Beiratsmitglieder wünscht, sich bei den Themen für die Beiratssitzungen einzubringen." Wolfgang van Vliet war damals Vorsitzender und die Protokolle waren umfangreicher als später.

Ein Kenner der Satzung des Behindertenbeirats dürfte noch andere Stellen benennen können, die als Quelle diskutierenswerter Themen herhalten könnte und das gemäß Festlegung in der Satzung sogar müßte. Nicht jedes Mitglied wird sich inspirieren lassen. Ich hörte von einem früheren Mitglied des Beirats, was ihm auf die Frage geantwortet wurde, wieso man im Behindertenbeirat sei: "Es gibt Sitzungsgeld."

Jetzt nicht alles in einen Topf werfen: im Tätigkeitsbericht des Beauftragten für Menschen mit Behinderungen (im gleichen Dokument) sieht das ganz anders aus, da gibt es nicht eine Einleitung, Vorträge im Rahmen der Sitzungen und als Weitere Aktivitäten das Stadtteilfest, da sind es haufenweise Aktivitäten. Bei mehreren Terminen habe ich ihn selbst gesehen. Spitzfindige werden nun schlußfolgern, daß durch seine Anwesenheit ja auch automatisch ein Mitglied des Behindertenbeirats anwesend war, doch was bringt diese Überlegung?

Der aktuelle Behindertenbeirat

Inzwischen hat sich die Liste der neuen Mitglieder des Behindertenbeirats im Ratsinformationssystem gefüllt.

Auf der Sitzung des Sozialausschusses am 22. August 2019 wurden auch dessen vier Mitglieder für den Behindertenbeirat gewählt. Vier Personen waren vorgeschlagen, drei weitere Kandidaten kamen hinzu. Weil Vorstellung gewünscht wurde, stellten sich alle Personen kurz vor. Die Abstimmung erfolgte mit Stimmzetteln. Als Stellvertreter wurden vier Personen vorgeschlagen und - weil vier Plätze zu vergeben waren - in offener Abstimmung bei einer Enthaltung gewählt. Wie gut waren die bei der Vorstellung selbst vorgetragenen Gründe für die Wahl der einzelnen Kandidaten? Zumindest bei den Stellvertretern sollten die sich das mal selbst fragen. Gewählt wurden die ursprünglich vorgeschlagenen Kandidaten.

Am 05. September 2019 gab es nun die konstituierende Sitzung des Beirats für Menschen mit Behinderung. In einer Vorstellungsrunde konnte man manches heraushören. Wessen Interessen man zu vertreten gedenkt, welche Schwerpunkte man sieht? Eher nicht. Aus Zeitgründen blieb es beim eigenen Namen und der entsendenden Stelle. Sogar die beiden Pressevertreter und die beiden Zuhörer - meine Frau und ich - stellten sich vor. Als Vorsitzenden und dessen Stellvertreter wurden die beiden einzigen dafür vorgeschlagenen Bewerber ohne weitere Aussprache mit überzeugender Mehrheit gewählt. Von den Fortschritten beim Stadtplan für Behinderte war die Rede, es dauert noch etwas. Ob ich mir einen Nutzen verspreche? Eher nicht. Ob ich reinsehen werde? Wieso nicht? In der Zeitung hätte etwas von einem Rollstuhlfahrer und der nur über Treppen erreichbaren Straßenbahn-Haltestelle Ludwigshafen Hauptbahnhof gestanden. Aufzüge gibt es zu der unterirdisch gelegenen Haltestelle nicht. Nebenbei bemerkt: auch Einstiegshöhe und Bahnsteighöhe passen nicht zueinander. Der Behindertenbeauftragte will dran bleiben, es gibt nun sogar einen zügig gefassten Beschluß des neuen Behindertenbeirats dazu. Im Entwurf des Nahverkehrsplans 2018 mit Stand Juni 2018 stand die Haltestelle noch unter der Überschrift "Nicht barrierefreie Haltestellen bei großer Haltestellendichte – nachrangiger Umbaubedarf". Der Tabelle "Ergebnisse Beteiligungsverfahren" in der später verabschiedeten Fassung des Nahverkehrsplans kann man entnehmen, woher die Anregung stammte, diese Haltestelle doch mit nennenswerter Priorität barrierefrei zu gestalten. Nein, es waren nicht die "Träger öffentlicher Belange" oder Ortsbeiräte, es waren einzelne Bürger. Gerade bei diesem Dokument hätte ich mir mehr Engagement des damaligen Behindertenbeirats gewünscht. Wie auch immer, es ist ja ein Neubeginn mit neuem Vorsitzenden und neuen Mitgliedern. Positiv am Aufruf des Vorsitzenden, für die nächste Sitzung des Behindertenbeirats Vorschläge für die Vorstellung der vertretenen Vereine zu machen - es wären noch nicht alle daran gewesen - war der Einwand eines anderen stimmberechtigten Mitglieds, auch inhaltliche Beiträge wären erwünscht. Danke dafür, die gleiche Person hatte auch die Kritik des einzigen anwesenden Zuhörers (nicht Mitglieds) im Rollstuhl bei seiner Kurz-Vorstellung durchaus herausgehört.

www.ludwigshafen.de - Behindertenbeirat im Ratsinformationssystem

Berichterstattung zur ersten Sitzung

Die Berichterstattung der beiden Presse-Vertreter möchte ich meinen Lesern hier nicht vorenthalten. Die Aufmachung ist recht unterschiedlich, der Inhalt auch. Wegen Bezahl-Schranken verzichte ich auf den Link auf die Überschriften der Online-Artikel, die gedruckte Ausgabe kann man bei Bedarf in Bibliotheken der Region einsehen.

Unter der Überschrift "Barrierefreiheit an Tiefhaltestelle fehlt" (Hauptbahnhof: Behindertenbeauftragter setzt sich für Fahrstuhl ein) folgt im Teil Ludwigshafen und Pfalz das, was der Mannheimer Morgen am 10. September 2019 in einem Artikel von dtim zur konstituierenden Sitzung des Behindertenbeirats veröffentlichte. Als Einstieg wird also ein Sachthema verwendet und mit dem Bericht des Behindertenbeauftragten begonnen. Der Zusammenhang zwischen nicht nicht mehr funktionierenden Rolltreppen und nicht vorhandenen Aufzügen für die Barrierefreiheit wurde zwar nicht sauber herausgearbeitet, doch immerhin steht etwas davon drin. Merke: die wenigsten Rollstuhlfahrer hatten etwas von Rolltreppen, als die funktionierten. Zum Stadtplan für Beeinträchtigte fehlen laut dem Artikel die Grußworte. Die zu ersinnen dauert noch, daher die Veröffentlichung erst im Spätherbst, erfährt der Leser. Der Unterschied zwischen den im Artikel angekündigten Versionen online und auf der Homepage der Stadt ist mir nicht ganz klar, dem Redakteur aber sicher. Zum Verständnis: wie beim Mannheimer Morgen soll es auch eine gedruckte Fassung geben und zusätzlich diese Inhalte auch online. Den Übergang zum auf der Sitzung gewählten Vorsitzenden und seinem Vertreter schafft der Artikel über eine nicht aufgeführte Äußerung einer Behinderten und die inhaltlich daran vorbei gehende Antwort des neu gewählten Vorsitzenden. Die Behinderte führte bezogen auf den Eisenbahn-Teil des Hauptbahnhofs (im Unterschied zur von der Straßenbahn befahrenen Tiefhaltestelle) an, in der Eingangshalle würde zur Orientierung eine Abfahrtstafel (welcher Zug fährt wann von welchem Bahnsteig) fehlen (nachteilig besonders für die, für die die Wege besonders beschwerlich sind) und der Abstand zwischen Bahnsteigkante und dem Einstieg in die Züge sei erschreckend groß. Der Redakteur zitiert richtig, welche Verbesserung aus Sicht des Vorsitzenden an der Rhein-Neckar-Tram von ihm erhofft wird. Nur ist das ein Fahrzeug, das in dem beanstandeten Eisenbahn-Bahnhof nicht fahren kann und allenfalls an der Tiefhaltestelle zu sehen sein wird. Die erhoffte Lösung zur Spaltreduzierung wurde öffentlich noch nicht vorgestellt. Näher am Bahnsteig und damit für Rollstuhlfahrer weniger gefährlich ist inhaltlicher Quatsch.

Nebenbei bemerkt (1): auch für die S-Bahn der DB Regio sind neue Triebzüge bestellt, nicht nur für die Straßenbahn der rnv. Eine wirklich frühzeitige Einbeziehung der Behinderten in der Region - sei es die Arbeitsgemeinschaft Barrierefreiheit, die IBF aus LU oder gar dieser Behindertenbeirat - war auch diesmal bisher nicht zu erreichen, doch das ist für die Presse kein Thema.

Nebenbei bemerkt (2): Im Artikel ist von dem mehr als 40-köpfigen Gremium die Rede. Wenn auch die Stellvertreter der Mitglieder mitgezählt werden, sind es in der Tat viele Personen. Allerdings sollten nur die stimmberechtigten Mitglieder abstimmen und das sind nicht mal halb so viele. Zeitungsleser wissen mehr stimmt nur, wenn sie sich auch an anderer Stelle informieren.

"Der Beirat besteht unter anderem aus Vertretern des Sozialausschusses, des Seniorenrats, der Stadtverwaltung sowie aus Mitgliedern sozialer und integrativer Einrichtungen wie Caritas, Werkstätten und Lebenshilfe" steht dann am Ende des Artikels. Ja, das ist eine leider zutreffende Beschreibung und damit der gelungenste Teil des Artikels.

Der Artikel in der Rheinpfalz vom 06. September 2019 stammt von Herrn Bühler, war damit schneller beim Leser und ist mit "Scharff und Massion an Spitze des Beirats" überschrieben. Hier geht es also in Fettschrift um die Besetzung der Posten und Pöstchen durch die Politik, danach folgt reißerisch die Unterüberschrift Weinmann: Ich war schockiert. Dabei geht es um Meldungen im Zusammenhang mit der seit ihrem Bau nicht barrierefreien unterirdischen Haltestelle der Straßenbahn. Nicht funktionierende Rolltreppen am Ende ihrer Lebenserwartung sind zwar nicht das Problem für die Mehrzahl der Rollstuhlfahrer, allerdings haben nun auch alle anderen ihre Mühe mit den Treppenstufen und vielleicht kommt so ja ein Aufzug für die Rollstuhlfahrer. Bei den Stufen in der Rhein-Neckar-Tram war es ähnlich, die kommen nur da weg, wo sie für Rollstuhlfahrer ohnehin ohne jegliche Bedeutung - aber den anderen im Weg - waren. Zum Behinderten-Stadtplan erfahren Leser auch, daß neben den Grußworten noch die Verträge mit der Druckerei fehlen und können daraus messerscharf schließen, daß nicht alles nur online oder auf der Homepage zu finden sein wird.

Die Zusammensetzung des Behindertenbeirats wird wie im Mannheimer Morgen auch am Schluß des Artikels beschrieben und das etwa gleich gut. Hier werden jedoch an erster Stelle die Vereine und Verbände genannt. Das derzeitige Übergewicht der Politik wird so nicht ganz so deutlich. Daß es aber nicht um von den Behinderten der Stadt herausgesuchte und gewählte Vertreter ihrer Belange geht, wird sicherlich klar.

Das nichtssagende Archivfoto (Teilansicht eines elektrischen Rollstuhls vom Sanitätshaus Pegasus aus Landau, Hersteller vermutlich Heartway Medical in Taiwan?) wurde ebenso nichtssagend beschriftet: "Der Beirat setzt sich für Themen und Interessen von Behinderten ein." Wenn das doch nur so zu beobachten wäre...

Inzwischen kann man auch in der Niederschrift vom 25. September 2019 nachlesen, welche Personen anwesend waren. Zumindest so in etwa. Ich war offenbar da, Tanja - ich hatte mit ihr dort gesprochen - wohl doch nicht. Ok, das liegt daran, daß zwar die Kategorie Anwesend, die dem Beirat nicht angehören und dort sieben Namen vorhanden sind, jedoch... Hmm. Ich werde Tanja mal fragen...

Als Dauer weist die Niederschrift diesmal 30 Minuten aus, zuzüglich ein paar Minuten vor dem Eintritt in die Tagesordnung für einen Foto-Termin. Es wurde vorgestellt, der Vorsitzende und sein Vertreter wurden gewählt und dann vom Behindertenbeauftragten berichtet. Der Stadtplan wird nun Stadtplan für Menschen mit Beeinträchtigungen genannt. Es wird ihn gedruckt und digital geben. Bezogen auf die nicht barrierefreie Straßenbahn-Haltestelle Ludwigshafen Hauptbahnhof wurde offenbar einstimmig ein Beschluß gefasst, "der die Verwaltung auffordert, die Barrierefreiheit am Hauptbahnhof herzustellen". Dann gab es noch einen Veranstaltungshinweis, den Hinweis auf den Termin der nächsten Sitzung, keine Wortmeldungen und das Ende der Sitzung.

www.ludwigshafen.de - Niederschrift zur Sitzung vom 06.09.2019

Mein Fazit

Welchen Eindruck ich gewonnen habe? Welchen Eindruck haben denn Sie gewonnen? Ohne Punkte wie den Bericht des Behindertenbeauftragten, der seine Arbeit ebenfalls nur ehrenamtlich ausführt, wären die "Ergebnisse" noch dünner. Immer wieder war auf Sitzungen vom Stadtplan für Behinderte die Rede (noch nicht fertig), vom E-Scooter-Verbot im ÖPNV, von der Beteiligung am Straßenfest auf der Comeniusstraße in Oggersheim. Mir fällt beim Nachbarschaftszentrum Comeniusstraße (um das herum gibt es seit Jahren das Fest) u.a. ein, daß der Zugang zu den Büros der Sozialen Stadt und anderer Flächen im Untergeschoß keineswegs barrierefrei ist und hinsichtlich eines Aufenthalts für Mobilitätseingeschränkte dort auch die sanitären Einrichtungen verbessert (klingt besser als geschaffen) werden müssen. Na ja, demnächst soll der Kreuzungsbereich davor umgestaltet werden. Fahrbahnerneuerung, keine riesige Pfütze mehr auf dem Überweg, es ist ja nicht alles verkehrt, was im nächsten Jahr gemacht werden soll. Allerdings hatte man bei der Planerei zunächst richtige Bussteige für die Busse des Schienenersatzverkehrs für die Straßenbahn nicht vorgesehen. Wie viele der roten Klebepunkte, mit der Mängel bei der Barrierefreiheit in diesem Gebiet auf Fotos und Plänen markiert wurden, werden sich durch die Maßnahme erledigen? Die Anzahl ist sehr überschaubar. Wann kommt man mit der Straßenbahn-Linie 10 barrierefrei ans Klinikum? Zum Umbau der Strecke war wohl nichts auf den Sitzungen des Behindertenbeirats zu hören, auch nicht vom Nahverkehrsplan der Stadt. Mobilität ist eine zentrale Voraussetzung für Teilhabe, mangelnde Barrierefreiheit bremst Mobilitätseingeschränkte aus. Schon von daher hätten diese Themen wirklich viel Aufmerksamkeit verdient.

Ganz zurückhaltend formuliert: beim Thema Behindertenbeirat gibt es mehr als nur Gesprächs- und Handlungsbedarf. Ohne substantielle Verbesserungen wird der Behindertenbeirat die vor seiner Gründung ersonnen Ziele nicht ansatzweise erreichen und die in der Satzung genannten Aufgaben nicht erfüllen. Bei einem "weiter so" ist mit positiven Auswirkungen für die Behinderten nicht zu rechnen. Aktuell sieht es mir nach "weiter so" aus, allerdings gibt es sehr wohl Einzelpersonen, denen das nicht genug zu sein scheint.

Womit man sich außer der Vorstellung von vertretenen Vereinen und Organisationen beschäftigen könnte? "Weiterhin werde nur ein Teil von neugebauten Wohnungen barrierefrei und damit behindertengerecht gebaut" und "Nur barrierefreier Wohnraum verdient den Namen sozialer Wohnungsbau", sagte der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Jürgen Dusel im September 2019 in Mülheim an der Ruhr. Und wie sieht das hier in Ludwigshafen aus? Bezahlbarer Wohnraum soll es für die Betroffenen übrigens auch sein. In Altbauten sind oftmals zwar kleine Verbesserungen machbar, umfängliche Barrierefreiheit wird aber deutlich teurer. Von Anfang an mitgedachte Barrierefreiheit führt hingegen nicht zu solch deutlich höheren Kosten.

Auch aus einer weiteren seiner dort geäußerten Einschätzungen ließe sich etwas machen: "Demokratie und Inklusion sind zwei Seiten der gleichen Medaille" und "Das Thema Teilhabe werde immer noch zu sehr aus der Sicht der Fürsorge diskutiert". Mal klein angefangen: der Stadtrat und seine Gremien könnte das tun, was nötig ist, damit die in § 2 der Satzung des Behindertenbeirats genannte Aufgabe umsetzbar ist. Was das ist? Fragen und zuhören wäre ein solcher Anfang, allerdings nicht die, bei denen die Sicht der Fürsorge verinnerlicht ist, sei es aus historischen oder professionellen Gründen. Sogar an § 8 (2) wäre zu denken. Hätte es das in den letzten vier Jahren gegeben, dann hätte man das im Tätigkeitsbericht als Highlight ausweisen können. So war es nur der Stand auf dem Fest. Was könnten Mitglieder des Behindertenbeirats von sich aus tun? Da wäre an § 9 in Verbindung mit § 8 (1) zu denken.

Ganz normal anders - 16. Aktionstag für Menschen mit und ohne Behinderung am 08. September 2019 oder 27. Tag des offenen Denkmals am 08. September 2019? Wie auch immer, die Einsätze auf der Straßenbahnlinie 4 nach Oggersheim hatten eher mit dem Dürkheimer Wurstmarkt zu tun. Wie das Fest war? Mal so, mal so. Essen gab es in lecker, Musik in laut, Gespräche auch in brauchbar und aufschlußreich, es regnete nur wenig. Barrierefreiheit und Ganz normal anders: Das für Rollstuhlfahrer aufgestellte WC im Baustellen-Stil bot nicht mal die Möglichkeit, sich die Hände zu waschen. Und das bei einer Veranstaltung, auf der Speisen und Getränke angeboten werden. Ganz normal ist es, wenn man mal auf Toilette muß, ganz anders als Eltern es ihren Kinder beibringen wollen, war die Lösung für das Händewaschen danach. So sollte sich dieser Teilaspekt nicht wiederholen. Bei einem Aktionstag auch für Menschen mit Behinderung in der nun 16. Auflage und bei einer Vielzahl von Akteuren aus diesem Bereich eine schwache Leistung. Schön und leider doch ganz normal, daß für die Anderen eine bessere Lösung vorhanden war, einschließlich der Option mit Händewaschen.


(bk, 2019-09-25)

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